Warum die Digitale Revolution des Lernens gescheitert ist.

Zusammenfassung des Vortrags Warum die Digitale Revolution des Lernens gescheitert ist von Jöran Muuß-Merholz beim Kon­gress des Chaos Com­pu­ter Club (CCC) am 30.12.2013 in Saal 2 des CCH

Fünf Desillusionen

1. Digitale Impotenz statt Werkzeuge zur (De-)Konstruktion von Wissen
2. Digitale Elite statt Demokratisierung von Lernen und Wissen
3. Didaktische Konterrevolution – Rattenkäfig statt Kompetenzentwicklung
4. Veränderungsresistente statt lernende Organisationen
5. Die „Eigentlichkeit“ der Technik

Digitale Impotenz statt Werkzeuge zur (De-)Konstruktion von Wissen

Die meisten Angebote zum organisierten oder selbsständigen Lernen werden von Firmen angeboten, welche ihre Inhalte nach dem Urheberrecht als ihr Eigentum ansehen und dieses auch entsprechend zu schützen trachten. So werden Schulbücher wie in der analogen Welt nur ausgeliehen und „verschwinden“ dann wieder. (siehe auch kommerzieller Bereich wie Audible, Amazon Kindle, iTunes, DRM) Aus eigener Erfahrung beim Studium, weiß ich, dass als Kopierschutz eingeschränkte Rechte nur gegeben waren (kein Kopieren) oder Dokumente nur in ausgedruckter Form vorlagen. Dies führt dazu, dass die digitalen Möglichkeiten der MockUps, des Neuzusammenstellen, Ergänzen, Verkürzen o.ä. nicht gegeben sind. Man mag nun einwenden, dass diess Vorkehrungen (selbst die Ausdrucke) zu umgehen seien und man mit realistischen Aufwand die Hoheit über die Dokumente erlangen könne, doch gilt dies ehrlich betrachtet nur für einen eingeschränkten Benutzerkreis:

Digitale Elite statt Demokratisierung von Lernen und Wissen

MOOCs sind eine tolle Sache. Jeder mit Internetanschluss kann in Stanvord oder Havard von den Besten online lernen.  i.d.R. sind die Teilnehmer, welche diese Kurse sogar abschließen  [sehr geringe Rate] männliche, weiße Männer. (keine andere Quelle gefunden).  Diese besitzen aber bereits die sozialen Kompetenzen wie Selbstorganisation, Sortieren von Quellen, Selbstdiziplin o.ä. und zählen somit schon zur „Bildungselite“. Dies wird toll mit dem Matthäus-Effekt verdeutlicht. (Wer nichts hat sieht sich lustige Videos an oder bereichert die Welt in Kommentaren mit seiner Meinung. Wem dies auch nicht vergönnt ist, der schreibt Zusammenfassungen. ;)).Nur weil es theoretisch möglich ist, wird es nicht praktisch umgesetzt (damit wäre es dann nach aller Erfahung doch nicht theoretisch möglich und es fehlen entsprechende Grundlagen?)

Didaktische Konterrevolution – Rattenkäfig statt Kompetenzentwicklung

Begriffsbestimmung:

Kompetenz: Problemstellung mit zukünftiger Formulierung morgen lösen können
Qualifikation: aktuelle Aufgaben lösen

Qualifikation und Kompetenz

Oft sind Medienangebote nach Friss-Oder-Stirb in der Didaktik ausgelegt. Dies meint, dass die vorgebene Prozedur befolgt werden muss und auch die Inhalte fest stehen (siehe auch 1. Desilusion). Damit erinnert dies sehr stark an den Nürnberger Trichter (optimal aufbereitet, dann geht es in den Kopf). Dies sei teaching und nicht learning.

Dieses teaching führt zu xMooc (kurzes Lehrvideo mit anschließenden Quiz). Im Grunde ist dies programmiertes Lernen. Ich lerne ausschließlich das Wissen wieder zu erbrechen (Qualifiziert sein für diese Art von Aufgaben). Auch das sogenannte adaptive Lernen (hier passt sich die Software an die Fehler an, die der Lernende macht) sei auch nicht wirklich individuell. Der spielerische Ansatz durch gamification: (Zuckerbrotmodell/ Karotte vor Esel) macht es auch nicht besser und ist  „not learning, thats conditioning“. Dies stehe vollkommen im Gegesantz zu der Didaktik, nach der das Lernen ein aktiver, selbstbestimmter, individueller, sozialer, kreativer, emotionaler Prozess sei (welcher es mir ermöglicht Kompetenzen aufzubauen).

Hier ist der entscheidende Unterschied, ob ich für meinen Beruf qualifiziert bin oder auch noch kompetent im Fachgebiet. (Im Moment sind ja Bescheinigungen über Qualifikationen durch Lehrgänge sehr beliebt.) Gerade heute würden wir die Berufe von morgen aber noch nicht kennen.

Veränderungsresistente statt lernende Organisationen

Die Hoffnung, dass auf Organisationsebene digitale Kommunikation durch die Hintertür die Organisation als eine Art Katalysator ändern, wurde zerstreut. Diese wurden zwar eingeführt, aber oft mit Netzsperren o.ä. eingerichtet. Dies hatte zum Ziel nur die positiven Vorteile der Technik zu bekommen, nicht aber die Nachteile (wie Ablenkung, Mobbing etc.). Dies sei aber so sinnvoll, wie sich ein Schweizer Taschenmesser zu wünschen, mit welchem man niemanden verletzen können. Es wurde durch technische Maßnahmenversucht den Wandel aufzuhalten, was so erfolgreich sei wie sich gegen die Wellen zu stellen. (Bsp. Handyverbot, Entwicklung von Google Glas).

Whiteboards in Schulen stellen keine Revolution dar, sondern erweitern nur das bestehende Didaktikmodell.

Die „Eigentlichkeit“ der Technik

„In der nächsten Version wird alles besser.“ „Bald brauchen wir in Universitäten für Studenten keine Steckdosen [die es nie gab] mehr, da die Akkus so stark geworden sind.“

Diese Gedanke, dass „eigentlich“ alles ganz einfach, anpassbar, funktionierend, ausdauernd oder mit Internet sei, führe viele Nutzer zu Apple Produkten. Hier würden 90% des Versprechens auf 97% Prozent angehoben, welches den Nutzer ein deutlicher zufriedeneres Gefühl geben würde. [Wer eine Gegenmeinung sucht kann dies gern im Heise Forum erfragen ;)]

Quellen

Video des Vortrags und Folien zum Vortrag

weiterführende Literatur, unabhängig vom Vortrag:

Große Didaktik: Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren von Johann Amos Comenius. Dieses Buch wurde mir als DIE Grundlage für Didaktik empfohlen. Nachdem man sich über die ersten Kapitel mit der Ableitung der göttlichen Absicht hinweggeblättert hat, wird man auf erstaunlich treffende und noch heute absolut gültige Empfehlungen und Grundanlagen stoßen (Kinder motivieren, ihren Alter entsprechend, aufbauend lehren). Andere Ansätze sind bereits veraltet (Klassen mit 100 Personen in Subgruppen gliedern. körperliche Züchtigung sollte fast vortschrittlich nicht mehr bei lernversagen verteilt werden, nur bei disziplinarischen Verstößen). Leider gibt es nach heutigen Maßstäben keine wissenschaftlichen Begründungen, sondern zumeist theologische Erläuterungen.

CSCL-Kompendium 2.0: Lehr- und Handbuch zum computerunterstützten kooperativen Lernen von Jörg Haake. Dieses Werk habe ich selbst nur in Auszügen während meines Fernstudiums gelesen. Viele texte sind sehr schwer, haben aber sehr durchdachte Schlussfolgerungen und interdiziplinare Ansätze für das Lernen in Gruppen meist im Bezug mit digitaler Kommunikation.

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