Hartmut Rosa – Bis zum rasenden Stillstand?

Hartmut Rosa hat a 16. Juni 2010 zum Einsteinforum in Potsdam einen Vortrag Bis zum rasenden Stillstand? gehalten, welcher bei DRadio Wissen nachgehört werden kann. Quellenangaben und kritische Einwände sind vom Autor ergänzt wurden. (tl;dr)

 

Vortrag

Zeitnormen für soziologische Analyse und Kritik an Gesellschaftstheorien

Es gibt verschiedene Kritiken (Kiritik hier als wertneutraler Begriff [Duden]) an Gesellschaften

Hier möchte Herr Rosa die Kritik der Zeitverhältnisse als komplementäre Kritik zu den bereits bestehenden hinzufügen.

Zeitnormen

Sie dienen der Zeitlichkeit der Erfahrung und besitzen einen Doppelcharacter:

  1. von Natur aus gegeben (kann verschieden genutzt werden, aber unveränderliche naturwissenschaftliche Größe)
  2. Zeit ist nicht gegeben, sondern sozial konstruiert. Besonders die Bedeutung Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; Tempo; Rythmus und Synchronisation

Folglich muss in einer Gesellschaftskritik auch die Zeit mit betrachtet werden.

 

Wie fühlen sich Subjekte mit Weltbeziehung?

Ausgangspunkt ist folgendes Paradoxien:

Mikroebene

  1.  Subjekt hat die Erfahrung maximaler Freiheit. Alles kann, nichts muss. Gesellschaft hat für ethische Handlungsnormen kaum Sanktionsmöglichkeiten.
  2. Dauerdruck. Heteronomie (Fremdbestimmung) „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.“ (Ödön von Horváth)

These: In westlichen Gesellschaften rechtfertigen Subjekte am meisten ihr Tun im Müssen.

Beispiel: Auch in der Politik ist eigentlich duch die Ressourcen und Gestaltungsspielräume europäischer Verhältnisse alles möglich. Dagegen steht there is no alternative (Margaret Thatcher), Basta! (Gerhard Schröder), alternativlos (Angela Merkel).

Makroebene

Simmel und Durkheim: Gleichzeitigkeit von größerer Individualisierung , Freizetzung aus Handlungszwängen und gleichzeitiger zunehmender Vergeselschaftung durch gesellschaftliche Regulation, da wechselseitige Abhängigkeit ansteigt. Durch komplexere Produktionsschritte ist die Abstimmung von immer mehr Teilnehmern notwendig. Wie ist das möglich?

These: Gesellschaften werden über Zeitnormen und Fristen gesteuert. Fürher wurden Zeitpläne (Stundenplan, Lebensplan) entwickelt. Heutzutage geht es zur Definition von Fristen über, welche immer knapper kalkuliert werden. Sie erscheinen nicht als ethische Normen (Vorgabe auch Mitternacht erreichbar zu sein oder auch am Samstag zu arbeiten), sondern wirken als stumme Normen, wirken so auf das Individuuen ein und bringen es von allein dazu ihnen zu folgen. Dadurch entsteht das „Muss“, ohne das es ethisch und rechtlich gerechtfertigt wird.

Zeitnormen definieren sich hinter den Akteuren, werden nicht definiert. Niemand wollte explizit eine Beschleunigung. Dies ist politisch nicht lösbar, da es gesellschaftlich bedingt ist.

These: Zeitnormen werden wichtiger und wirken auf Verständigung (siehe Kritik von Habermaß) ein. Dies lässt sich daran zeigen, dass aufwändige demokratische Diskussionen heute über einfache Bilder und Slogan geführt werden.

 

Begriff soziale Beschleunigung und Was ist Entfremdung?

Beschleunigungsprozess als veränderte Kraft überwiegt allen anderen Prozesssen. Es gibt keine systematische Kraft dies diesem entgegenwirkt.

  • Verweigerung: Slowfood
  • Nicht Änderbar:Grippe, Schwangerschaft
  • Entgegengesetzter Effekt: Stau durch Schnellgehen

Ist Beschleunigung biologisch begründbar? Gesellschaftlich tritt Beschleunigung erst ab 18. Jahrhundert auf. Damals war der Kapitalismus die Grundlage um alte Strukturen aufzubrechen und den status qou zu verbessern. Dies geschah, da der Kapitalismus sich nur dynamisch stabilsieren kann (leider ohne Quelle), somit ist die Beschleunigung des Wachstums notwendig um seinen Erhalt zu sichern.  Heute sorgt diese Eigenschaft dafür den Stauts qou zu erhalten (siehe Regierung mit Wachstumsbeschleunigungsgesetz).

Man das hat Gefühl immer schneller sein zu müssen, um den Platz zu halten, nicht um wohin zu kommen. Dies sei der rasander Stillstand. Oder um es mit Grönemayer zu sagen: Bleibt alles anders.

 

Arten Beschleunigung:

technische Beschleunigung: Transport, Kommunikation, Produktion von Gütern und Dienstleistungen (industrielle und didigtale Revolution waren nicht revolutionär weil etwas Neues geschaffen wurde, sondern weil es drastisch schneller wurde)

gesellschaftliche Beschleunigung: Dynamisierung der sozialen Verhältnisse

  • Stabilitätszeiträume werden immer kürzer (empirischer Beweis am Beispiel der Arbeitsplatzverweildauer [Amerikaner wechselt imm Schnitt 11x den Arbeitgeber], Umzugsrate, Scheidungsrate).
  • Praktiken verkürzen sich: Studiengänge, PowerPoint, Radio, Fotokamera –> Aus Erfahrungen sind keine Erwartungen mehr ableitbar.

Menschen beschleunigen ihr Lebenstempo:

  • Anzahl der Erwartung- und Erlebnisepisoden je Zeiteinheit – mehr in einem Tag, Sommer oder Leben unterzubringen. (Beispiel Speeddating)
  • Pausen und Leerzeiten werden wegrationalisiert (letzt mögliche S-Bahn vor Termin)
  • Multitasking (mehrere Sachen gleichzeitig). Das Gefühl Zeit zuverschwenden wenn wir nur S-Bahn fahren oder nur telefonieren

Die Beschleunigung des Individuum ist Reaktion darauf, dass wir gefühlt keine Zeit mehr haben. Da sich alles um uns herum schneller verändert, fragen wir nach technischer Hilfe bei der Beschleunigung, das schiebt soziale Veränderung an, welches die Veränderung um uns ist.

 

Architektur der Beschleunigung:

Im Kapitalistisches Wirttschaftssystem gilt Zeit ist Geld und letzteres ist notwendigerweise knapp. Dies lässt sich allgemein auf die Wettbewerbslogik ausweiten. (Wer darf regieren? Wer darf forschen? Wer bekommt beste Lebenspartner? Wer hat die besten/meiten Freunde?).

Dies ist ein Dynamisierungsprinzip, wodurch sich der Einzelne seiner Position in der Welt nie sicher sein kann.

Durch die Logik der Arbeitsteilung, dem Ausdifferezinung der Sphären bzw. Subsysteme von Luhmann (funktionale Diferenzierung) vermehren sich dich Motoren der Dynamisierung.

Subjekte sind nicht nur Opfer, sondern genießen auch Beschleunigung, da Dynamisierung auch eine Freiheitserfahrung ist. In der Regel entsteht mehr Freiheit und somit gefühlte Autonomie. Es findet eine Überwindung des Alten statt.

Durch Beschleunigung sind mehr Glückserfahrungen möglich, da immer mehr im Leben gemacht werden kann (und soll). Dies ist ein Äquivalent zum ewigen Leben: Ich kann die Qualität eines Lebens an der Anazhl Reichhaltigkeit der Erfahrungen und Erlebnissen messen. Wenn ich schneller mache, dann kann ich Ausschöpfungsgrad erhöhren (Urlaubsort von 3 Wochen auf 3 Tage reduzieren, hilft mehrere Orte im gleichen Urlaub zu sehen). Bin ich doppelt so schnell, dann habe ich zwei Leben (bin vollkommene Mutter und vollkommene Karrierefrau) Erreiche ich vollkommene Beschleunigung, dann habe ich ein unendliches Leben vor dem Tod (geht nicht ganz auf ;-))

 

Entfremdung

Diese Thema ist 2009 noch im Stadium des Expermintierens. Der Begriff der Entfremdung ist nicht eindeutig bestimmt.

Einfach bestimmt: Entfremdung ist ein Prozess in dem mir etwas (Ding, Mensch, Natur) fremd wird, was mir vertraut war. Gegenteil ist die Erfahrung einer Heimischkeit / zu Hause zu sein.

Nach Rahel Jaeggi: Bei Entfremdung gelingt etwas nicht. Weltbeziehung gelingt nicht. Anverwandlung, etwas zu meinem „Ding“ machen,  gelingt nicht. Dies wird meist über Entscheidungen durchgühren. Ich entscheide mich für Studiengang oder bei Filmauswahl. Ich eigne mir diesen Ausschnitt der Welt an. Entfremdung ist folglich wenn mir Entscheidungen fremd bleiben. [Anmerkung: Hat man keine Entscheidung treffen können, so sollte man sich diese trotzdem aneignen Philosophie Magazin 5/14 ebenfalls von Rahel Jaeggi]

Nach Rosa ist Entfremdung wenn wir aus freien Stücken etwas tun, was wir nicht „wirklich“ wollen. Etwas also nicht begründen können.

„Der Rosa beobachtet eh nur immer sich selbst, also sei’s drum.“

Menschen handeln immer in Kontexten. Entfremdung findet statt, wenn wir uns in einem Handlungskontext für eine Option entscheiden, die wir außerhalb dieses Kontextes nicht treffen würden. Warum brauche ich weniger Kraft um 60x weiterzuzappen als den TV auszuschalten?

These: Innerhalb des Kontextes ist es viel einfacher weiterzuschalten, als den Ferneseher auszuschalten, da ich außerhalb feststelle, dessen das Zappen nicht wertschöpfend/befriedigend war [Anmerkung: Verharre ich in dem Zustand des Zappens, so muss ich mir diesen Fehler nicht eingestehen und erziehle vielleicht doch noch Erfolg/eine Rechtfertigung].

 

Kritik der Zeitverhältnisse

Entfremdungserfahrungen nehmen auf Grund von Beschleunigungserfahrungen zu. Die Dynamisierung sozialer und technischer Verhältnisse hat das Potential die Entremdung hervorzubrngen.

Es findet eine Entremdung von Raumverhältnisssen statt. Beispiel Geographie: Menschen anverbandeln sich den Raum nicht mehr als ganzes. Bei kurzen Aufenthalten findet nur noch eine selektive Wahrnehmung statt (Wo Arbeitstelle, Bushalt, Wäscherei). Damit funktioniert die Aneignung nicht mehr vollständig, wie es etwa bei der Heimat aus der Junged noch der Fall gewesen sein soll.

Zeiten des Lebens (Walter Benjamin beschreibt Erfahrung als ein angeeignetes Erlebnis, es ist Teil meiner Lebensgeschichte geworden. Habe ich mehr Erlebnisse, so fehlt mir die Zeit diese zu erfahren also anzueignen. Dies wird durch Souveniers ausgeglichen (Wobei mindestens hier ein teilweise Anverwandlung stattfinden muss, damit ich mich mithilfe dieser erinnern kann). Habe ich mir diese nicht vollständig anverwandelt, so erzeugt dies keine Resonanz in mir.

Anverwandlung von Dingen findet dadurch statt, dass ich diese reperaiere,oder etwa ihm einen Namen gebe. Lohnt sich heuteaufgrund der Kurzlebigkeit nicht mehr, da es sich alles zu schnell ändert.

Entfremdung von Menschen ist, dass man zwar mit Arbeitskollegen gern Trinken geht, aber keine Erfahrungen oder Biografien mehr wissen möchte.

Entfremdung von eigenen Handlungen ist, wenn ich nicht mehr dazu komme, dies zu tun was mir eigentlich wichtig ist.

Kaufen statt Konsumieren. Hier weckt der Kapitalismus falsche Bedürfnisse: Ein Buch zu kaufen geht äußerst schnell, aber es anzuverwandeln geschicht erst, wenn ich es gelesen habe und das dauert im Vergleich zum Kauf sehr lange. Sozialforschung:  Käufe steigen aber die Konsumzeit sinkt ab.

Max Weber meinte, dass Wunder das Kapitalismus ist es zu produzieren ohne zu konsumieren. Hintergrund der Annahme ist, dass der Motor des Kapitalismus sei das wir das Geld nicht verprassen sondern investieren.

 

Lösung für Entfremdung

Konzept nicht entfremdeten Lebens ist hier notwendig. Sonst ist obiges nur einfache Systemkritik. Ein Teil der Lösung wird Resonanz über Anerkennung oder die Natur sein. Vielleicht ist die nicht subjektiv sondern auch objektiv beschreibbar.

Resonanz ist die Lösung. Weltbeziehung -erfahrung ist eine Erfahrung der Resonanz. Dinge antworten darauf.